 |
Jugendstil
Ende der 1880er Jahre entstand eine neue Kunstrichtung, die in Deutschland als "Jugendstil" und in Frankreich als "Art Nouveau" bezeichnet wird. Kennzeichnend für diesen Stil ist das neuartige Ornament, das die seinerzeit üblichen historischen Stilzitate überwand. In der ersten Zeit bis um 1900 waren geschwungene, der Natur entlehnte und abstrahierte Linien das typische Merkmal des Jugendstils, später überwogen geometrische Ornamente. Die Stilperiode des Jugendstils war nur von kurzer Dauer. Dennoch ist sie von großer Bedeutung: der Jugendstil räumte den Historismus des 19. Jahrhunderts entschlossen beiseite und ebnete den Weg in die Moderne. Die Künstler führten und propagierten ein von der Kunst durchdrungenes Leben, in dem alles, was sie umgibt, künstlerisch in Einklang gebracht werden sollte. Deshalb richteten sie ihr Augenmerk vorrangig auf die angewandte Kunst, die Dinge des täglichen Lebens, die nutzbar gemacht werden und doch Kunst sein sollten. Zu einer eigentlichen Jugendstilmalerei und -plastik kam es hingegen nur in wenigen Ausnahmen.
In regem künstlerischen Austausch mit englischen und schottischen Jugendstilkünstlern entwickelte die Wiener Werkstätte unter der Leitung von Josef Hoffmann einen eigenen, höchst eleganten Stil. Grundform des Ornaments und eine Art Markenzeichen wurde das Quadrat. Das Material durfte, ob billig (gestanztes Blech) oder kostbar, niemals einen anderen Werkstoff imitieren. In seiner Finesse und in den ausgesuchten Werkstoffen nahm der Stil der Wiener Werkstätte vieles vom Art Deco vorweg.
Allerorten fand der Jugendstil eine jeweils eigene Ausprägung. Seine Konzentration auf das Ornament, die ihm zugrundeliegenden, schwärmerischen Utopien, seine bisweilen ungezügelte Erscheinung, vor allem aber die fehlende Auseinandersetzung mit der industriellen Serienfertigung fanden schon früh Kritik, nicht nur von außen, sondern auch von den Künstlern selbst. Die Zeit des Jugendstils blieb eine kurze Episode, die schon im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ihr Ende fand. Der Jugendstil bleibt faszinierend, wegen der immer wieder überraschenden Experimentierfreude, Phantasie und ästhetischen Gestaltungskraft seiner Protagonisten, und wesentlich, weil in vielem der Keim für die darauffolgenden Kunstströmungen lag.
Art Deco
Im Jahre 1925 wurde eine Ausstellung in Paris unter dem Namen "Exposition Internationale des Arts Décoratifs" durchgeführt, deren Name später für den dort vorherrschend gezeigten Stil übernommen wurde: "Art Déco". Die Ausstellung ging zurück auf eine Initiative führender französischer Künstler, die 1901 die "Société des Artistes Décorateurs" gegründet hatten, und war ursprünglich, durch den Krieg verzögert, schon für 1915 geplant.
Dem Art Deco fehlt ein zugrundeliegendes Stilmerkmal oder eine stilbildende Anschauung. Vielmehr handelt es sich, inmitten des allgemeinen Aufbruchs der "Klassischen Moderne", um eine gestalterische Verbindung von Eleganz der Form, Kostbarkeit des Materials, Intensität der Farben und Sinnlichkeit des Themas. Alles das war schon im Jugendstil angelegt - vor allem im französischen, wo man im Überflüssigen das Notwendige sah: "le superflu - chose la plus nécessaire".
Eine Wurzel des Art Deco lag in der Gründung der Wiener Werkstätte durch die Secessionskünstler Josef Hoffmann und Koloman Moser und den Bankier Fritz Wärndorfer im Jahre 1903. Ihrerseits beeinflußt durch die geradlinigen Formen des englischen und schottischen Jugendstils um Charles Robert Ashbee und Charles Rennie Mackintosh, nahmen Hoffmann und Moser mit ihren orthogonalen Entwürfen für elegante Inneneinrichtungen vieles von dem vorweg, was noch in den späten 20er und 30er Jahren als modern gelten konnte. Mit dem Eintritt von Dagobert Peche im Jahre 1915 war der Weg der Wiener Werkstätte hin zum Art Deco endgültig festgelegt.
Das Zentrum des Art Deco war jedoch ohne Zweifel Paris. Die großen Couturiers wie Jacques Doucet und Paul Poiret gaben durch neuartige Modeentwürfe die Vorgaben und wirkten vor allem mäzenatisch durch ihre Sammlungen und die Vergabe von Inneneinrichtungs-Aufträgen. Seine Anregungen bezog der Art Deco aus allen - auch den ihm entgegengesetzten - Strömungen der Moderne, die in Paris wie an keinem anderen Ort gebündelt waren: die Farben der Fauves um Henri Matisse; das Aufsplittern der Formen im Kubismus von Braque und Picasso; die Verehrung der Maschine durch die Futuristen um Umberto Boccioni; und sogar den auf Ornament verzichtenden Funktionalismus.
Paul Iribe und andere führten den Art Deco in den USA ein, wo er sich über die Architektur, das Musical und den Film rasch entfaltete. In Frankreich selbst wurde der Stil nicht nur über umfassende Ausstellungen, sondern über neugegründete Einrichtungshäuser und die Entwurfsabteilungen einiger Warenhäuser wie Desny, Dominique und die Société DIM (Décoration Intérieure Moderne) verbreitet. Bei den qualitätvollsten Werken, etwa solchen des größten französischen Möbelentwerfers und Perfektionisten Jacques-Emile Ruhlmann, oder jenen der Silberschmiede Jean Puiforcat und Tétard, hält sich die Ornamentierung zugunsten klarer Formen und der reinen Oberflächenwirkung der Materialien zurück. Bei Porzellan- und Keramikdekoren, Stoffen, Plakaten und auch bei Bucheinbänden kontrastieren starke, reine Farben miteinander.
Dem Art Deco bereitete der Zweite Weltkrieg in Europa ein jähes Ende; die Stimmung der unmittelbaren Nachkriegszeit war solchem Luxus nicht gemäß. Am ehesten überdauerte der Stil in den USA, vor allem in Hollywood und New York, und floß dort auch in das Design der 50er Jahre mit ein.
|
 |